© Andi Wüstefeld

Skitouren in den Ostalpen

Es war so etwas wie die Neuauflage des fast hundert Jahre alten Klassikers "Bergvagabunden", allerdings neu und komfortabel interpretiert. Zu siebt ging es am 19.03.2026 los - und ja, um es vorweg zu nehmen: Wir kamen auch wieder alle wohlbehalten und glücklich zurück. Gerade angesichts dieses brandgefährlichen Altschnee-Lawinenwinters stand für unseren Guide Klaus eine defensive und wohlüberlegte Tourenplanung im Vordergrund, uns Teilnehmer bezog er mit Bravour ein. Umso mehr überzeugt sein Konzept einer kurzfristigen Planung der Zielregion in Abhängigkeit von Schnee- und Wetterverhältnissen, denn die Ostalpen bieten zwischen Comer See und Wienerwald doch einiges an Platz hierfür.

Am Anreisetag nahmen wir die Lampsenspitze im Sellrain mit - wobei "Mitnehmen" angesichts 1.200 Höhenmeter im Aufstieg schon fast etwas euphemistisch klingen mag. Jedenfalls war das Wetter herrlich, für Mitte / Ende März recht kühl, was uns vor Batz (aber auch vor Firn) bewahrte. Anschließend zog der Bergvagabunden-Trupp weiter ins komfortable Basecamp nach Mals im Vinschgau (Südtirol)

Von dort aus stand tags darauf, dem 20.03., der Glockhauser im Langtauferertal auf dem Programm. Er war ganz klar das "Dach der Tour", ein immerhin 3.021 Meter über den Gestaden des Mittelmeers liegender Gipfel des Alpenhauptkamms mit seinen 1.150 Höhenmetern im Aufstieg. Ein herrlich sonniger Südseiten-Berg an einem traumhaft klaren Tag, der uns einen Blick auf die Weißkugel sowie weit hinein die Berninagruppe bescherte - aber wegen der relativen Kälte zwar abermals keine Firnabfahrt, dafür aber sogar noch ein paar Pulverschwünge.

Für die nächsten beiden Tage bewährte sich die hervorragende Zielwahl unseres Guides, denn der Obervinschgau und das Schweizer Münstertal gelten als Trockengebiete der Alpen, so dass uns die schwache Kaltfront - manche nennen sowas ja mittlerweile eine Schneewalze - weitgehend in Ruhe ließ. Der dritte Berg am 21.03, der immerhin 2.784 Meter hohe Piz Chazforà mit seinen rd. 1.100 Aufstiegshöhenmetern, bescherte uns ein mystisches Sonne-Wolken-Spiel bei trotzdem noch ausreichender Sicht.

Am vierten und letzten Tag nahmen wir Abschied vom historischen Mals, einer sehr schönen, bereits durch den rätoromanischen Einfluss geprägten Kleinstadt in Südtirol. Nochmals ging es in die Schweiz ins Münstertal. Und normalerweise gilt ja das Motto "vergiss das Wort billig, sobald du die Schweiz betrittst". Aber wir bekamen sogar etwas gratis, nämlich die Parkplätze, was es in den frequentierten Skitourengebieten der erweiterten Münchener Hausberge - Bergvagabunden sind ja mittlerweile sehr mobil - nicht mehr gibt. Man mag es ja kaum verschreien, aber das Münstertal ist durchaus noch so etwas wie ein Geheimtipp. Der Abschlussberg Munt Buffalora (2.627 Meter, 700 Höhenmeter im Aufstieg) liegt in einer Umgebung, die durchaus auch im Denali National Park in Alaska sein könnte - so jedenfalls wirkte der gegenüberliegende Piz Daint mit seiner riesigen Flanke an diesem Tag auf uns, an dem wir uns im einzigen Wolkenloch weit und breit sonnten. Es ist aber "nur" der einzige Nationalpark der Schweiz in dieser wirklich noch herrlich abgelegenen Ecke zwischen Engadin und Vinschgau.

Und siehe da, dieser Abschlussberg mit seiner Nordseite hielt dann auch den besten Schnee der Reise für uns bereit.

Mit einem Lächeln im Gesicht traten wir die Heimreise an. Dieses hielt zumindest so lange, bis man angesichts der aktuellen Weltgeschehnisse, die man auf einer solchen Tour aber herrlich hinter sich lassen kann, die Spritpreise betrachtete. Mit großem Respekt vor den Bergvagabunden, die seinerzeit mit dem Rad in ihre geliebte Bergwelt fahren mussten, ist aber auch dies ein Luxusproblem.

Andi Wüstefeld